Zur Ausstellung "Begegnungen" im Heimathaus Jesteburg, 6/2018

 

"....diese Arbeiten fordern den Betrachter. Die Künstlerin vermeidet hartnäckig, die herkömmliche Formensprache zu benutzen. Wir suchen hier Häuser, Bäume, Berge, Felder, Strandkörbe, Schiffe und was sonst noch alles gibt vergeblich. Und doch ist all das zu sehen. Oder genauer: Nur das ist hier zu sehen. Allerdings auf besondere Art. Das ist in den Zeiten von so genannten Fake-News alles andere als selbstverständlich. Hier geht es nur um das Wesentliche, also das was es wirklich gibt- und nicht um Dinge, die wir sehen sollen, wie das irgendjemanden in den Kram passt. Es gibt nur wenige Künstler, die die Farbe so brutal als Suggestionsmittel einsetzen und damit sagen: So und nicht anders ist es. In der dritten Sinfonie von Gustav Mahler tragen die Sätze ganz eigenwillige Name: Was mir die Blumen erzählen, Was mir die Nacht erzählt, Was mir die Liebe erzählt. Das könnte man auf die Bilder von Manuela Mordhorst übertragen: Was mir das Meer erzählt, Was mir die Inseln erzählen, Was mir das Wasser erzählt. Diese Bilder erzählen in der Tat eine Menge. Über das Zusammenspiel der Elemente, über den Ursprung der Natur, über den Umgang mit der Umwelt. All das geschieht allein mit Farben und freien Formen.. Inseln sind ein bevorzugtes Thema der Malerin. Das sind überschaubare Bereiche mit individuellen Charakteren, die stellvertretend für den Rest der Welt stehen. Unter "Rest der Welt" dürfe wir uns selbst natürlich auch mit einreihen.

Bei Manuela Mordhorst ist es mir zum ersten Mal passiert, dass mich die gewählten Bildertitel in meiner Phantasie sowohl einengen als auch anregen. Sonst gibt es immer nur das eine oder andere. Ich möchte das kurz erläutern. Da trägt eine Arbeit den Namen einer Insel. Nehmen wir Amrum. Das engt mich zunächst ein, weil ich dann nur noch an Amrum denke und versuche, die Insel in dem Bild wiederzuerkennen. Was mir natürlich nicht gelingt, denn die Künstlerin hat weder eines der Dörfer noch eine andere wieder erkennbare Szenerie dargestellt. Also denke ich weiter: Was habe ich auf Amrum empfunden? Was hat de Malerin auf Amrum gesehen? Was teilt sie mir mit? Und so kommen wir allmählich hinter das Geheimnis ihrer Kunst. Manuela Mordhorst nutzt bekannte Gegebenheiten, um Befindlichkeiten mitzuteilen. Im Fall von Amrum ist es ein Erfassen der Ursprünglichkeit der nordfriesischen Insel, durch die dunklen Farbtöne aber auch ein Warnen vor drohendem Untergang durch maßlose Weiterbesiedlung. Außerdem kann man es als Hinweis auf das Fragile der ganzen Inselwelt interpretieren. Bei Sizilien ist es glühende Lava, die die Unwägbarkeit der Natur symbolisiert. So stellt Manuela Mordhorst das Wesen einer Landschaft dar, ohne konkret zu werden. Dieses radikale Wandeln zwischen Abstraktion und Assoziation zieht unmittelbar in den Bann. Man muss aber, um ein Wort von Loriot zu benutzen, "muss aber genau hinsehen". Dann aber wird der "Regen über dem Meer" mit Händen greifbar, möchte man in das Rapsfeld bei "Der Duft nach Mai"  sogleich hineingehen. Man spürt bei "Wandern bis zum Priel" das Wasser unter den Füssen. Und der explosionsartige Ballermann auf Mallorca entpuppt sich als böse Entlarvung. Manuela Mordhorst liebt Inseln - kein Wunder, ihre Eltern stammen von so gegensätzlichen Inseln wie Sylt und Sardinien. Und sie liebt, sie sagte es bereits, Farben. Sie benutzt viele Farben, one dass ihre Bilder nun irgendwie bunt wären. Sie arbeitet mit den verschiedensten Techniken und Materialien. Sie benutzt Pigmente und Öle, sie malt und beizt auf ganz unterschiedlichen Malgründen wie Stein, Keramik, Holz und auch Leinwand. Jedes Bild ist eine Summe aus Erfahrungen und Erlebnissen, an denen sie uns teilnehmen lässt. Ihre Begegnungen mit den Inseln werden damit zu unseren. Die Poesie einer Landschaft, die Schönheit der Natur und die Mystik unseres Planeten Erde werden mit außergewöhnlicher Aussage- und Ausdruckskraft dargestellt."

 

Ernst Brennecke, Kunstjournalist, Hittfeld,  Juni 2018


Die Intuition führt beim Malprozess Regie. Kein im Vorfeld geplantes, durchdachtes Bild ist das Ziel der Künstlerin, sondern das sich Einlassen auf die inneren Strömungen und das Zulassen von etwas ganz eigenem, unvorhersehbarem bestimmt den Gestaltungsprozess. Aus diesem Grund ist es auch nicht ausreichend, diese Malerei in die Kategorie Informelle Malerei einzufügen. Das Informel entwickelte sich in Paris der 40ger und frühen 50ger Jahre des 20. Jahrhunderts und wollte als Gegenpol zur geometrischen Abstraktion verstanden werden. Hans Hartung ist hier zu nennen, der seinerseits von Wassily Kandinsky und Paul Klee beeinflusst wurde. Eine gewisse Verwandtschaft liegt aber vor, denn der Arbeitsprozess unterliegt auch hier keinen starren Regeln, er folgt auch, wie im Surrealismus, Prozessen des Unterbewussten. 

Kommen wir zu den hier gezeigten Werken. Was sehen wir? Ich greife ein Bild aus der Serie“ Teneriffa“ heraus, das ich in Wagenfeld eingehend betrachten konnte. 

Ein vertikales, schmales Format kennzeichnet das Bild „Teneriffa 5. Diese Malerei präsentiert uns keine gegenständlich formulierte Insellandschaft. Von unten nach oben aufsteigend entfaltet sich im zentralen Bereich des Bildes eine fast  fließend erscheinende Farb-Symphonie aus Brauntönen, die im oberen Bereich in hellen Ockertönen endet. Eingerahmt wird dieses an Gestein erinnernde Farbenfeld von Blautönen, die synchron zum Braun nach oben hin heller werden. Es begegnen uns keinerlei Pinselspuren, stattdessen entdeckt man im Untergrund eine Spachtelmasse, die mit sandartigem Material angereichert wurde(in anderen Bildern kommen Kreiden, Steinmehle zum Einsatz). Dadurch entsteht auf dem Bildträger eine Relief-Landschaft. Eine Struktur, angesiedelt in der biomorphen Formenwelt, wird sichtbar. Und genau hier lassen sich expressive Spuren der Genesis des Werkes aufspüren. Neben der Art des Farbeauftragens ist dies die Ebene, wo uns die  emotionalen Spuren der Malerin authentisch gegenübertreten. Wovon sprechen diese Spuren? Hier beziehe ich  meine Begegnung mit der Insel ein.  

Die intuitive Malerei zeigt hier und in diesem Werk nachvollziehbar, ihre Größe und ihr Möglichkeitsfeld. All das, was meine Momente nahe dem Teide in der Provinz Santa Cruz so intensiv machten, spüre ich unter anderem, wenn ich vor diesem Bild stehe. Aber auch, wenn der betrachtende Mensch nicht die Insel besucht hat, kann er das aufspüren, was an Kraft und Archaischen dem Werk  innewohnt, soll heißen, das Bild funktioniert auch dann für den Betrachter, wenn er nicht das Vergnügen hatte, die Insel zu kennen. Diese Art des Funktionierens macht übrigens gute und zeitgemäße Kunst aus und kennzeichnet ein „offenes Werk“. Offen für die individuelle Interpretation im Gegensatz zum geschlossenen Werk, wo nur eine Interpretationsmöglichkeit anvisiert wird.(...) 

Auf ein zweites Bild möchte ich hier näher eingehen, aus dem Zyklus Kreta das Bild   Kreta I. In diesem Bild zeigt sich im ersten Moment des Betrachtens eine etwas konkretere Definition von Landschaft.  Bedingt durch Mechanismen der Wahrnehmung sieht der Betrachter eine Horizontlinie, weil uns dieser Anblick vertraut ist wie kein anderer. Das menschliche Gehirn hat es so gespeichert, damit der Mensch sich in der realen Außenwelt, im Raum,  orientieren kann. Bei diesem Bild von Manuela Mordhorst fällt es jedoch leicht, sich sofort wieder vom einschränkenden Gedanken an Landschaft zu befreien und sich ganz dem Beziehungsgeflecht von Farbgebung und Material zuzuwenden. Im Zentrum des Bildes erkennt man ein keilförmiges Element, das sowohl kräftemäßig nach unten strebt, als auch eine Bewegung nach oben vollzieht, wodurch ein Spannungsfeld erzeugt wird. Betrachtet man die Malerei aus kurzer Distanz, offenbart sich ein enges, biomorphes Farbengeflecht von Braun- und Blautönen. Schaut man wieder aus der Distanz, zieht sich das Braun zu einer Landmasse, zu Gestein zusammen. Das Blau kann als Himmel und als Wasser, als Meer interpretiert werden. Sind wir wieder mit den Augen dicht am Bild, können wir weiteres entdecken. An vielen Stellen scheint ein Kampf der Materialien stattzufinden. Teile der zuletzt aufgetragenen Farbe sind  rissig, brechen an einigen Punkten auf und geben den Blick frei auf darunterliegende Schichten. Eine eruptive Kraft zieht seine Bahnen. Bei einem anderen Bild im 1. Stock über uns, beim Bild „ ein Tag am Meer“, steigert sich die eruptive Kraft im Zentrum des Bildes zu einem „Hotspot“ im malerischen Sinne. Zurück zum Werk „Kreta I“, an expliziten Stellen steigert sich das Prozesshafte und mutiert zum Morbiden, zum im Verfall Befindlichen. Auch das gehört zur Definition von Leben. Wandert das Auge nur einige Zentimeter weiter, stellt sich Ruhe ein. Hier wird Prozessartiges durch Malerei manifestiert und kann dadurch  auf der Interpretationsebene lesbar werden als Momentaufnahme aus dem Leben. 

Ich gehe noch einmal zurück zum Anfang der Einführung: Intuitive Malerei, der Duden definiert Intuition mit: Eingebung, ahnendes Erfassen. Man könnte also sagen, Manuela Mordhorst lässt Erlebtes, im Inneren Abgelagertes, nach außen in Gestalt von Malerei und folgt dabei beim Gestalten ihrer Intuition.

Uwe Oswald, Künstler, Barnstorf, Oktober 2017 (Die ganze Laudatio kann man hier lesen.)


Die Kunst ist die Schwester der Mystik

Manuela Mordhorst Malerei

 

Unter Intuition verstehen wir im allgemeinen Gedanken oder Eingaben, die auf unserem Unterbewusstsein beruhen und ohne Nachdenken zustande kommen. In der intuitiven Malerei fühlt sich Manuela Mordhorst heimisch. “Alle Kreativität kommt aus einem Urgrund, der mit Rationalität nichts mehr zu tun hat. Die Kunst ist die Schwester der Mystik, das was ich plötzlich intuitiv begreife und in ein Bild oder eine Musik bringe”, sagt der Benediktinerpater und Zen-Meister Willigis Jäger. Manuela Mordhorsts intuitive Malerei bietet dem Betrachter die Möglichkeit die innere und äußere Welt anders und tiefer wahrzunehmen und zu erfahren. 

 

Die Künstlerin hat die Idee verinnerlicht, dem Betrachter nicht vorzugeben, was er zu sehen hat, vielmehr ihn auf sich selbst zurück zu führen, um sich aus dem Raum der Verpflichtungen zur Rationalität zu entfernen. Die Kompositionen können von allen Seiten betrachtet werden, da die Bildgliederung ein organisches Ganzes bildet. Die Bildfläche öffnet sich so in vielfältige Lesarten und Interpretationsrichtungen, sie gerät in Bewegung. Das Auge beginnt sich auf die sich gegenseitig aufladenden Farbfelder zu konzentrieren. Farbe, Licht und Schwingung sind die wesentlichen Elemente in der Malerei von Manuela Mordhorst. Ihre Bilder sind keine Landschaften im klassischen Sinne, weder mit einer lesbaren Perspektive oder eindeutig gesetzten Gegenständen, vielmehr können sie als mikro- oder makroskopische Ausschnitte gelesen werden.

 

Der Prozess der Formwerdung aus der Intuition heraus ist gleichsam die Bildaussage. Indem die Künstlerin nur bedingt eingreift, der nicht-rationalen Gestaltung, als auch dem Zufall und dem spezifischen Verhalten des Materials Raum lässt, kommen in den Bildern Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten zum Ausdruck, die in Ursystemen der Natur ihre Parallelen haben - in der Zerstörung und der erneuten Formwerdung, im Wachstum und der Veränderung.

 

Manuela Mordhorst, die 1970 geboren wurde, lebt und arbeitet in der Idylle der malerischen Nordheide, unweit von Hamburg. Mit der Zeit professionalisierte sie sich in den künstlerischen Techniken und beschäftigte sich mit philosophischen Modellen. Wo liegen die Grenzen der Umsetzung von der Idee zum endgültigen Bild? Wie können sich Farbe und Form entwickeln, ohne, dass man nur einem vorgefertigten Plan folgt oder die Arbeit beliebig wird?

 

Mit diesen und vielen anderen Fragen zwischen Intuition und Ratio hat Manuela Mordhorst sich in ihrer Malerei auseinandergesetzt. Ihre Kunst entsteht nicht nach einem vorgefertigten Plan, sondern während der Arbeit, also im Malprozess.  Doch die Künstlerin lässt das Material auch selber arbeiten. So ist die Farbe nicht nur Mittel zur Gestaltung, sondern auch eine eigendynamische Kraft. Ihre Materialität bestimmt wesentlich mit, was auf der Leinwand zu sehen ist. In ihrer formalen wie psychologischen Dimension dokumentieren die Bilder ein organisches Ganzes, eine Hommage an das Leben.

 

Dr. Barbara Aust-Wegemund, Kunsthistorikerin, Hamburg, November 2015


Malerei von Manuela Mordhorst

 

Angesichts des rasanten Fortschritts der neuen Medien, die es heute erlauben,  dass  virtuelle Welten nahezu gleichberechtigt neben der realen Welt stehen, mag man sich fragen, ob es nicht paradox ist, dass die individuelle Kunstäußerung des Menschen weiterhin für viele Zeitgenossen faszinierend geblieben ist; vielleicht ist das so, weil die Kunst eines der letzten Refugien des ungezügelten, nicht bis ins letzte berechenbaren, aus den Tiefen seines Wesens heraus  schaffenden Menschen ist.  Aus dieser Quelle speist sich ganz offensichtlich auch Manuela Mordhorsts  Malerei.

 

Was sofort ins Auge fällt: sie setzt entschieden auf die Wirkungsmacht der Farbe. Ihre abstrakten Kompositionen entstehen in einem Malprozeß, in dem die Intuition eine entscheidende Rolle spielt – man könnte behaupten, am gelungendsten sind sie dort, wo sie, dem organischen Wachstum der Natur gleichend, sich aus sich selbst heraus eigengesetzlich entwickeln. Solche Bilder scheinen sich selbst zu malen – der Künstler ist dann bloß Werkzeug... Das hat durchaus eine spirituelle Dimension. Dass Manuela Mordhorst sich auf diesem künstlerischen Weg auch dem Thema MANDALA genähert hat, scheint folgerichtig. Das Mandala als “imago mundi” verstanden, wird so zum Instrument der Meditation.

 

Monika Spiller, Kunsthistorikerin, Überlingen, Februar 2016


Dynamik der Farbfelder

oder

Begegnung mit dem Ich

 

Manuela Morhorst, Bild 1 aus der Werkserie "Sommerstrukturen", 7/2015, Acrylmischtechnik auf Marmormehl-Sumpfkalk, Pigmenten, Beizen, Hartwachs, Format 62cm x 92cm x 2,5cm, (c) Manuela Mordhorst

Die Augen erfassen die Bildfläche. Sie wandern von unten nach oben. Sie nehmen den warmen gebrannten Umbraton im unteren Bildteil wahr und das strahlende Gelb-Orange darüber, weiter die getrübten Töne aus Sepiabraun mit wellenartigen Wiederholungen der warmen Erdfarbe vom unteren Bildrand und das Gelb-Orange mit Konturen eines dunklen Brauntons, das sich nach oben von den pastellfarbenen, stark aufgehellten Umbratons hart abgrenzt. Oberflächlich ruhig angelegte, waagerechte Farbschichten sind zu erkennen, aufplatzende, dürstende Oberflächen, ebenso verschiedene Farbnuancen, die nach oben in die verblasste Farbschicht streben. Die Dynamik der Farbfelder entsteht aus dem Qualitätskontrast der Farben sowie durch die belebten Farbstrukturen. Hier das Aufplatzen der Oberfläche durch den pastosen Farbauftrag und als Folge des gewählten Materials, farbliche Pointierungen und die immer wieder übereinander gelegten Ebenen von Farbschichten.

Und, ich habe es noch nicht bemerkt, es beginnt fast gleich zu Beginn das Wechselspiel aus Wahrnehmung und Erinnerung. Die Wirkung der Farben begleitet mich, während die Augen noch über die Bildoberfläche wandern. Die Erinnerung an den Aufbruch eines Sommers steigt in mir auf, wie die Farben in dem Bild. Die tiefe Verbundenheit der Erdenergie, die mit der Wärme und der Heiterkeit der Sonne nach oben dringt, um die Verkrustungen eines Winters zu durchbrechen. Die Dynamik der Farbfelder gleicht einem Aufruf in eine belebende Epoche, die die Verkrustungen der Gefühle und Erinnerungen und gewohnten Lebensstrukturen aufzubrechen versucht. Was immer ich als Betrachter sehe, es ist die Begegnung mit dem Ich.

 

Hildegard Willenbring, Kunsthistorikerin, Berlin, Januar 2016


Energie der Mitte
Oder
Das Selbst in der Stille
 

Der erste Blick nimmt die Formen und Farben wahr. Der gelbe Kreis in der Bildmitte umzogen von einem weißen Ring und dem auslaufenden Goldgrund. Vom gelben Kreisrand züngeln sich Linien wie Strahlen aus dem Bildfeld hinaus. Die Farben greifen die der großen Farbfelder auf, Gelb, Weiß und Gold. Die Textur des gelben Kreises lässt Steine erkennen, deren kreisförmige Anordnung leicht neben der
Kreismitte beginnt, also nicht zentrisch im Kreis beginnen. Die bewegten Linien sind tief in den Farbuntergrund gezogen und scheinen sich von der Energie der Mitte nach außen zu bewegen.
Sofort erinnert das Bild an eine wärmende Sonne, an ein Licht. Dann, sich einlassend auf die Form, richtet sich der Blick ganz weich auf die Mitte und bleibt dort für eine ganze Weile. Es ist dieses Kribbeln zu spüren, diese Energie, die zu erspüren ist
durch die Kraft der Linien. Noch ist alles auf die Form konzentriert. Die wellenförmigen Linien scheinen irgendwann im Körper zu fließen, durchspülen den Kopf, die Arme, den Bauch, die Beine und das Herz. Wie von einer positiven Welle erfasst, zerfließen die Formen. Nur noch dieses helle Goldgelb ist noch da, das sich ausbreitet im eigenen Körper. Ganz leicht steigt ein zuversichtliches Gefühl auf,
dieser noch leichte nebulöse Mut zum Selbst. Das Gefühl durchzieht den Körper mit einer Woge und bleibt im eigenen Kern. Dieser Wirkung nachspürend erfährt man dann eine wunderbare Stille. Ganz bewusst erkennt man dann das Selbst. Das Selbst in der Stille.

 

Hildegard Willenbring, Kunsthistorikerin, Berlin, Februar 2016